Warum digitale Ökosysteme im Gesundheitswesen benötigt werden

Brandon Lewis
20.09.2022 12:06:21

Da sich der Schwerpunkt des Gesundheitswesens weitgehend von der Bekämpfung akuter, ansteckender Krankheiten auf die Behandlung und Vorbeugung chronischer Krankheiten verlagert hat, musste sich auch das System des Gesundheitswesens ändern. Das Gesundheitswesen hinkt in vielerlei Hinsicht anderen Branchen hinterher, was zum Teil auf die strengen Vorschriften zum Schutz der Kundendaten sowie auf die Zulassung neuer Technologien zurückzuführen ist. Unternehmen, die in der Lage sind, Ökosysteme zu entwickeln, die das Patientenerlebnis verbessern und die Gesamtkosten senken, werden die Gesundheitsbranche verändern. Der Status quo, vor allem in den USA, mit einer unzureichenden Versorgung zu unerschwinglichen Preisen und mit großer Ineffizienz, macht die Gesundheitsbranche reif für eine Umwälzung.

Ökosysteme entstehen, wenn:

  • Sie von Effekten externer Netzwerke profitieren.
  • Die, aus dem Ökosystem, generierten Daten zur Bereitstellung personalisierter Lösungen genutzt werden. 
  • Ineffizienzen der Industrien verringert werden. 
  • Ausstiegsbarrieren erhöht werden. 

Ein besonders berühmtes Beispiel für ein Ökosystem in einer anderen Branche ist Apple, das eine Art in sich geschlossene Produktpalette geschaffen hat. Jedes zusätzliche Gerät oder jeder zusätzliche Dienst dient sowohl als zusätzliche Einnahmequelle für Apple als auch als weiterer Anreiz für die Kunden, der Marke treu zu bleiben. Auf diese Weise kann das Unternehmen mehr Wert entlang der Lieferkette abschöpfen, indem es beispielsweise von den Apps im App Stores 30 % des Umsatzes verlangt. Damit ein Ökosystem erfolgreich ist, muss es als Ganzes mehr Wert schaffen als jeder Teil für sich. 

Ökosysteme im Gesundheitswesen sollen, wie in anderen Branchen auch, auf den Kunden ausgerichtet sein. Ein erfolgreiches Modell könnte Daten aus einer Vielzahl von Quellen durch fortschrittliche Analysen verarbeiten, um die Gesundheit des Kunden sicherzustellen und eine bessere Versorgung zu gewährleisten. Einige Anwendungen hierfür könnten zum Beispiel die Integration von Daten aus Apps oder Geräten sein, die die tägliche Aktivität oder Ernährung aufzeichnen. Mit der Weiterentwicklung der tragbaren Geräte könnten auch medizinisch relevante Daten wie Sauerstoffgehalt, Herzfrequenz, Blutzuckerspiegel uvm. einbezogen werden. Diese könnten sowohl für eine bessere Versorgung als auch für bessere Analysen für die Versicherer genutzt werden. Das Ziel dieser integrierten Gesundheitssysteme wird die Verbesserung der Ergebnisse für die Patienten sein. 

Für chronisch kranke Patienten wäre es von großem Nutzen, ein Ökosystem zu schaffen, in dem eine durchgehende Integration zwischen den Leistungserbringern und ihren Finanzierungsquellen besteht. Darüber hinaus könnte durch die Integration von Technologie in die Gleichung sichergestellt werden, dass die Patienten die erforderliche Pflege erhalten und es könnte eine Warnung direkt an den Pflegedienstleister gesendet werden, falls ein Patient stürzt oder ein anderes Ereignis festgestellt wird. Für eine ältere Rentnerin könnte dieses Ökosystem ihre gesamten Daten, wie finanzieller, gesundheitlicher und sozialer Natur, nutzen, um ihr eine Vielzahl von Dienstleistungen anzubieten, wie zum Beispiel die Lieferung von Rezepten und wöchentlichen Mahlzeiten. Fortgeschrittene Analysen könnten erkennen, wann ein proaktiver Telefonanruf erforderlich ist. Versicherungs- und Zahlungsinformationen könnten integriert werden, sodass die Zahlungen nahtlos erfolgen könnten.

Die Schaffung eines digitalen Ökosystems in der Gesundheitsbranche ist jedoch mit Herausforderungen verbunden. Eine der größten ist die Datenliquidität. Daten sind die Grundlage für die Gewinnung von Erkenntnissen in Ökosystemen. Durch Daten kann ein personalisierteres und wertvolleres Kundenerlebnis geschaffen werden. Doch sowohl in Europa als auch anderswo sind die Rechte von Patientendaten stark geschützt. Auch die fehlende Standardisierung von Datensätzen behindert die gemeinsame Nutzung von Daten. Es gibt jedoch Beispiele für Reformen in anderen Branchen, wie die Einführung von SWIFT im Finanzwesen, wo die Datenliquidität durch eine Anpassung der Vorschriften und die Standardisierung von Daten verbessert wurde.

Sobald die Fragen der Datenliquidität geklärt sind, wird die nächste Herausforderung darin bestehen, die Intelligenz zu entwickeln, um den vollen Wert aus den Daten zu ziehen. Dies erfordert fortschrittliche Analysen, künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen. Durch fortschrittliche, prädiktive Analysen können Patientenrisiken erkannt und gemindert werden. Die Entwicklung dieser Intelligenz wird erhebliche Investitionen in die Software-Entwicklung erfordern, was nicht zu den Stärken der etablierten Gesundheitsunternehmen gehört. Dies eröffnet den Digital Natives die Möglichkeit, den Markt zu betreten, was bereits an den Initiativen von Google und Amazon im Gesundheitswesen zu beobachten ist. 

Den etablierten Unternehmen kommt bei der Entwicklung der IT-Architektur ihrer Ökosysteme immer noch eine wichtige Rolle zu. Diejenigen, die zuerst handeln und ihr Ökosystem entwickeln, werden einen First-Mover-Vorteil haben und in der Lage sein, aus einer stärkeren Position heraus zu verhandeln, wenn es darum geht, Partnerschaften zu bilden, was wahrscheinlich ein notwendiger Aspekt jedes erfolgreichen Ökosystems sein wird. Die Software-Entwicklung, die von Natur aus komplex und intransparent ist, kann selbst für IT-affine Unternehmen eine überwältigende Herausforderung darstellen. Aus diesem Grund haben viele Unternehmen in verschiedenen Branchen in Software Process Mining-Technologie investiert, die eine datengestützte Grundlage für die Entwicklung und Verwaltung der IT-Strategie eines Unternehmens bietet. 

Neben der Entwicklung der Infrastruktur für die Erfassung, Verarbeitung und Analyse großer Datenmengen aus verschiedenen Quellen benötigen die Ökosysteme des Gesundheitswesens auch eine digitale Plattform für die Kundenansprache. Auf der Grundlage der, aus der prädiktiven Analytik gewonnenen, Erkenntnisse werden digitale Plattformen den Kunden eine Reihe von Dienstleistungen anbieten, die von der täglichen Gesundheitsüberwachung bis hin zur Terminplanung und zum Transport reichen können. Dies wird auch die Nutzung aller erfassten Daten aus dem Gesundheitswesen erfordern.

Der Ausblick

Das Schicksal der etablierten Gesundheitsunternehmen liegt noch in ihren eigenen Händen. Ihre Strategien für die Zukunft müssen festgelegt werden - werden sie es vorziehen, ihre eigenen Ökosysteme zu kuratieren oder eher die Rolle eines Partners zu spielen? Sollen sie die notwendige IT-Infrastruktur größtenteils selbst entwickeln oder fremd einkaufen? Unternehmen, die mit der Festlegung ihrer Strategie und insbesondere ihrer Software-Strategie zu lange warten, riskieren ein Verdrängen durch den Markteintritt von Tech-Giganten. 

 

Dieser Artikel wurde von Brandon Lewis geschrieben und von Rebecca Wassong ins Deutsche übersetzt. Die englische Version des Artikels finden Sie hier.