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Gefährlicher Zeitdruck: Warum Software oft so viele Macken hat

Dr. Johannes Bohnet
16.09.2014 12:31:00

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Warum Software oft so viele Macken hat

Software durchdringt alle Bereiche unseres Lebens. Sie löst den Airbag im Auto aus, regelt Herzschrittmacher oder sorgt für reibungslose Prozesse im Kraftwerk. Leider kommt bei der Entwicklung die Qualität oft zu kurz.

Das kennen wir alle: Rechner, die sich nicht starten lassen, Dateien, die unerwartet geschlossen werden und kryptische System-Meldungen auf dem Bildschirm. Häufig treten solche Zwischenfälle gerade dann auf, wenn der PC-Benutzer ein neues Programm oder ein Update installiert hat. Viele Anwender ärgern sich deshalb zu Recht über Software-Anbieter, die ihre Kunden als unfreiwillige „Tester“ missbrauchen. Denn diese und andere Fehler in Computerprogrammen verursachen nach Expertenschätzungen allein in Deutschland wirtschaftliche Schäden in Milliardenhöhe.

Wenn der Airbag nicht ausgelöst wird

Trotz der seit langem bekannten und teuren Folgen haben wir uns anscheinend daran gewöhnt, dass Softwareprodukte mit Fehlern ausgeliefert werden. Welch gefährliche Folgen das haben kann, zeigte jüngst das Beispiel von General Motors: Ein Software-Defekt bei Fahrzeugen der Marke Chevrolet soll Menschen das Leben gekostet haben, indem er das Auslösen von Airbags bei Unfällen verhinderte. Das ergibt sich aus einer Petition der amerikanischen Verbraucherschutzorganisation Center for Auto Safety (CAS) an die amerikanische Verkehrssicherheitsbehörde National Highway Traffic Safety Administration (NHTSA).

So extrem das Beispiel anmuten mag – Softwarefehler machen Autofahrern und -Herstellern seit Jahren immer wieder zu schaffen. So musste Toyota vor wenigen Wochen weltweit fast zwei Millionen Fahrzeuge des Hybrid-Modells Prius wegen eines Softwarefehlers zurückrufen. Beim Opel Insignia führte ein Softwarefehler bei bestimmten Modellen zum Motorschaden. Und beim amerikanischen Elektroauto Tesla Model S gelang es Studenten kürzlich, durch einen Hack der Software, sämtliche Türen während der Fahrt zu öffnen. Aber auch die öffentlichen Verkehrsmittel sind vor Softwareproblemen nicht gefeit: Eisenbahnen und Flugzeuge waren ebenso schon betroffen wie die Bodensee-Schifffahrt. Weitere spektakuläre Softwarepannen ereigneten sich beispielsweise bei der amerikanischen Krankenversicherung „Obamacare“, in Universitäten, Banken, an der US-Börse Nasdaq sowie bei Glücksspielautomaten, die sich durch Betätigen einer bestimmten Tastenkombination entleeren ließen. Die Fülle der Beispiele zeigt: Es handelt sich nicht um Einzelfälle. Im Gegenteil: Die mediale Berichterstattung zeigt gerade nur die Spitze des Eisbergs.

Auf Fehler programmiert

Die gemeinsame Ursache vieler Fehler liegt im System. Kein Entwickler will fehlerhafte Programme schreiben. Doch der Zeit- und Kostendruck, mit einem neuen Produkt auf den Markt zu kommen, ist immens. Häufig bleibt ihnen keine andere Möglichkeit, als bei kurzfristigen Änderungen mit Abkürzungen zu arbeiten. Diese so genannten Hacks mögen zwar einzelne Probleme lösen, provozieren aber unweigerlich Fehler. Das Ergebnis ist vergleichbar mit einer Brücke, bei der immer nur der Asphalt und der Anstrich erneuert werden: Sie wirkt befahrbar, doch bei größerer Belastung bricht sie irgendwann zusammen, weil die Risse in tragenden Teilen nicht rechtzeitig erkannt und repariert wurden. Ähnlich wie Lkw-Fahrer vor der Brücke können auch Manager, die über die (Wieder-)Verwendung einer bestimmten Software entscheiden müssen, deren Qualität nicht sehen. Sie fällen ihre Entscheidungen wie ein Ingenieur, der keine Möglichkeit hatte, sich die Brücke vor Ort anzusehen.

Wenn Tempo und Kosteneffizienz so zu Lasten der Qualität von Software gehen, sind folgenschwere Fehler im wahrsten Sinne des Wortes „vorprogrammiert“. Um das zu verhindern, brauchen Entscheider modernste Technologie zum Prüfen und Bewerten von Software. Mit Hilfe automatischer Analysen und leicht erfassbarer Visualisierungen im Stile einer Software-Landkarte machen solche Werkzeuge die Qualität von Software sichtbar. So lassen sich Fehler schon in der Entstehung vermeiden. Die Werkzeuge dazu sind vorhanden.

Gefährlicher Sparkurs

Eine einseitige Fixierung auf Geschwindigkeit und Kostensenkung zu Lasten der Qualität hingegen gefährdet auch die Unternehmen und Organisationen selbst. Jeder Fehler beschädigt das Image, beschäftigt die Rechtsabteilungen und untergräbt das gesellschaftliche Vertrauen in Technologie. Und das Problem wird sich angesichts zunehmend vernetzter Fahrzeuge, Produkte oder Maschinen massiv verschärfen. Unternehmen müssen Qualität zum ersten Maßstab für eine erfolgreiche Software-Entwicklung erheben. Es ist höchste Zeit für einen radikalen Kurswechsel in den Unternehmen. Damit die Software das tut, was sie soll: Menschen helfen.

Original article in German published in September 2014 in "Focus Money" online.

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